Geben

Ich war Montag und Dienstag in der Küche eingeteilt. Also Tee und Kaffee kochen und den Frauen servieren. Dazu ein paar Kekse, Nutellatoasts und Obst reichen. Man hat da natürlich viel Kontakt zu den Frauen. Nur leider ist die Sprachbarriere sehr hoch. Aber es gibt natürlich Möglichkeiten, auch ohne viel Worte zu kommunizieren. Ich habe bei Jumbo (dazu nachher noch mehr…) Massagegeräte gefunden und den Frauen in die Hand gedrückt…

Und dann heißt es natürlich immer wieder spülen. Wobei es auch einige Frauen gibt, die mir diese Arbeit gerne abnehmen. Eine Iranerin spült gerne und wollte danach einen Spülschwamm von mir. Am Vormittag hatte auch schon eine gefragt, weil zwei große Kisten mit Spülschämmen unter der Arbeitsplatte stehen. Aber ich musste Nein sagen. „Nur für mich!“ versucht sie es weiter. Ich erkläre ihr, dass wenn ich ihr einen Schwamm gebe, am nächsten Tag 10 kommen und am übernächsten 50. Dieses Argument kennt sie natürlich, versteht es auch aber versucht es trotzdem. Später war diese Frau im Kleiderlager und hat sich zwei Kopftücher angeschaut. Als ich zufällig dazu kam (es war sonst niemand dort) und sie mit einem Zwinkern daran erinnert habe, dass sie dafür einen Termin machen muss und doch weiß, nur alle 2 Monate…, lächelte sie wieder und tänzelte mit den 2 Schals davon. Und schon kamen 2 andere Frauen die nur mal schauen wollten und da ein Tshirt einsteckten und ein Paar Schuhe in der Hand hatten. Ach wie ich das hasse, Nein sagen zu müssen. Auch zu den Jungs, die den Mädchen durchs Tor zuschauen, wie diese Inliner fahren…

…und Ball spielen.

Wegen mir, und da geht es den anderen Volunteers und Maria genauso, dürften sie alles haben!!! Aber dann bricht dieses System zusammen.

Ich erinnere mich an eine Situation bei meinem ersten Aufenthalt in der Türkei. Wir sind das 2. Mal in ein illegales Camp gekommen. Wie versprochen, nicht nur medizinische Versorgung zu machen, sondern auch Kleidung mitzubringen. Wir hatten einen Bus voll mit Sachen. Als wir im Hof die Seitentür aufgemacht haben, ging der Kampf los. Uns blieb nichts anderes übrig, als mit offener Tür wieder los zu fahren. Die Menschen rannten neben dem Auto her, haben mit Fäusten dagegen gehauen. Es war schrecklich. Sie sollten doch alle was bekommen. Aber so hätten nur die was bekommen, die ganz vorne waren oder sich mit Ellbogen Platz machten. Wir hielten damals ausßerhalb vom Camp und haben mit dem „Camp-Chef“ gesprochen, also einer der Männer aus den Familien, der so ein bisschen die Rolle des Clanführers übernommen hatte. Er musste mit seinen Leuten sprechen, dass wir für alle was dabei haben, dass sie sich in eine Schlange stellen müssen. Er sollte dabei bleiben und für Ordnung sorgen. So hat es dann auch einigermaßen funktioniert.

Ich verurteile dieses Verhalten nicht! Ich kann mir vorstellen, dass wenn man schauen muss, wie man sich und seine Familie über die Runden bringt, man dann vieles tut, was einem eigentlich nicht entspricht.

Und auch hier muss einer der bad cop am Eingang sein, wenn Essen verteilt wird…

Khalil hat mich gefragt, wie es mir mit der Arbeit in Casa Base geht. Und ich habe ihm gesagt, dass die medizinische Versorgung für mich einfacher ist. Da bekommt jeder Hilfe der fragt.

Aber ich habe das große Glück, dass Avicenna mir Spendengeld zur Verfügung stellen konnte. Und so bin ich nach vielen Recherchen, wo es am billigsten ist, los zum Einkaufen. Und das für ALLE!

Ich fuhr zuerst zu Jumbo. Man muss sich das wie Temu in live vorstellen. Es gibt einfach alles. Die Hölle…

…billige Chinaware. Ich kaufe Feuchttücher, Spülschwämme für alle…

Babyflaschen, Schnuller und stelle für 3 Familien ein Set zum Kochen zusammen…

Dann geht es weiter zum nächsten Billigladen wo ich Unterwäsche kaufe. Leider konnte ich die Händler auf dem Markt nicht zum Handeln bewegen. Und so habe ich die ganze Charge Billigunterwäsche gekauft die da war. Ungläubige Blicke von allen Seiten als ich meinen Korb vollgeladen habe…

Dann weiter zu Lidl um Pampers und Damenbinden zu kaufen. Die Dame an der Kasse hat mich gefragt ob ich das alles kaufen will. Diese Frage habe ich noch öfters gehört😅

Dann war mein kleiner Panda voll bis unters Dach. Zuhause habe ich einen großen Teil erstmal wieder ausgeladen. Ich bin am nächsten Morgen auf den Markt, um für die Essensverteilung auch ein bisschen Gemüse geben zu können…

Der Kartoffelhändler, bei dem ich 85 Kilo kaufen wollte schüttelte den Kopf und meinte, das geht nicht. Aber schließlich hab ich drei 25kg Säcke bekommen und den Rest in Tüten dazu. Der Karottenhändler hat erst einmal jemand zum übersetzen geholt, weil er es nicht glauben konnte, dass ich alle Karotten kaufen will. Wo ich denn her komme? „Aus Deutschland und ich habe eine große Familie“ 😉 Es war so ein allgemeines Kopfschütteln als ich nun auch noch Kiloweise Karotten durch den Markt geschleppt habe.

Dann noch schnell zum Praktiker, um eine Waschmaschine zu kaufen. Die ich abends abholte, als Panda wieder leer war. Und dann musste ja auch wieder alles Zeug rein, was noch so in meiner Wohnung stand. Aber alles hat reingepaßt!!!

Da ist tatsächlich eine Waschmaschine auch noch drin

Hab ich schon erwähnt dass ich meinen little Panda echt liebgewonnen hab 🥰…

Und dann war die Freude natürlich jedes Mal groß bei Casa Base! Santa Claus hat mich Maria getauft.

Nun können sie endlich Tischdecken und Teppiche, die hier überall rum liegen, waschen. Und auch die Kleidung aus dem Lager, die schmutzig ist.

Und als Panda dann wieder leer war, bin ich nochmal zu Lidl und habe mehr Binden und Pampers gekauft. Und Kondome. Ich hab still in mich hineingelächelt, als ich mir vorgestellt habe, was wohl passiert wenn ich alle Kondome kaufe. Die Verkäuferin machte aber ein Pokerface. Nach der Frage ob ich das alles kaufen will 🤷‍♀️ musste sie bei der Chefin nachfragen, ob sie mir alle verkaufen darf. Der Mann hinter mir an der Kasse fragte mich, ob ich die verkaufen will. Als ich die erste Fuhre im Auto verstaut hatte und dann die restlichen Pampers auch noch aufkaufte, fragte sie nur lachend ob das alles wäre… Ja, Auto voll…

Selbst bei Casa Base war es der große Lacher als ich mit 142 Packungen Kondomen ankam. Aber sie wurden sofort zur Verfügung gestellt…

Dieses Einkaufen macht mir die Arbeit sehr viel leichter. So bekommt jeder etwas und ich muss nicht Nein sagen. Und wenn ich dann noch die glücklichen Gesichter sehe und den Freudenschrei, als wir den Frauen das Kochset überreichen…

…bin auch ich glücklich. So viele sagen mir, dass sie das nicht tun könnten, was ich mache. Aber ich könnte das nicht tun, wenn es nicht Menschen gäbe, die Geld spenden. Und so tut eben jeder was er kann!

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