Paten-Projekt

Isan, ein 4 jähriger Autist 🥰

Am Freitag hat Miriam ein Treffen mit allen Patenkinder und ihren Müttern organisiert. Ich war so neugierig auf die Kinder. Gespannt auf die, die ich noch nicht persönlich kannte…

Arsenia, eins der neuen „Kinder“. Sie ist 29, geistig behindert. Und ja, sie sind wirklich so klein 😍

Wir haben 15 Patenschaften seit 3 Jahren. 12 davon sind Schulpatenschaften, 3 zur medikamentösen Unterstützung. Da es bei 2 Kindern Probleme gab, eine hat ihre Ausbildung abgebrochen und der eine sich nicht genügend angestrengt in der Schule, haben wir die Patenschaft an andere Kinder gegeben. Die Idee dieses Projektes ist, dass wir den Kindern eine Ausbildung ermöglichen, damit sie später gute Arbeit finden um aus dem Teufelskreis der Armut auszubrechen. Da es so viele Kinder gibt, die bitterarm sind, müssen die Noten und die Bereitschaft passen…


Es wurde eine große Tafel aufgebaut und wir haben zusammen mittaggegessen…

Davor gab es noch eine Ansprache von den Verantwortlichen der Klinik, dann von Miriam. Sie haben sich bei mir bedankt, dass ich in Deutschland und Österreich Menschen gefunden habe, die diese Kinder hier in Guatemala unterstützen. Dass ich wieder gekommen bin und ihre Dankbarkeit an die Paten weitergeben kann, dass ich ein Engel bin… ich war völlig überfordert mit dieser Situation, hatte einen riesigen Kloss im Hals und wäre am liebsten unsichtbar geworden…

Ich hatte ja auch schon bei der Begrüßung der Kinder, und vor allem der Mütter, diese Wucht an Dankbarkeit erlebt. Und das ist ganz schwer auszuhalten. Ich musste dann auch noch was sagen, war völlig unvorbereitet…

Ich hatte von dem Begründer von Viva con Aqua mal diesen sehr wahren Satz gehört: „Wenn man ein Privileg teilt, verliert man nichts“. Und das habe ich versucht rüber zu bringen. Dass ich das Glück hatte, in Deutschland auf die Welt zu kommen. Dass wir es so viel einfacher haben. Und dass ich mir wünsche, dass die Kinder ihre Chance nutzen um später Arbeit zu finden und das Leben etwas leichter wird für sie.
Auch die neuen Kinder haben sich vorgestellt, ganz mutig vor der ganzen Gruppe, und mein Patenkind Estefany hat sich vor allen bei mir bedankt und mir gesagt, wie lieb sie mich hat. Es war herzzerreißend. Ich habe versucht, mit allen Kindern Videos für ihre Paten zu machen…

…hab versucht, mit allen zu reden. Hab ganz viele Einladungen bekommen und hoffe, dass ich alle noch besuchen kann.
Zu Essen gab es Hühnchen, Reis, Tortillas und Salat. Als Lidia, die Mama von 3 Patenkindern, mir Hühnchen hingestellt hat, habe ich gesagt, dass ich das nicht esse. Sie hat sehr enttäuscht gewirkt und wieder kam am Tisch die Frage auf, warum nicht. Für diese Menschen hier unvorstellbar. Ich habe versucht es zu erklären, da ich ja unterschiedliche Gründe habe…

Auch, dass ich ab und zu Fleisch esse, wenn ich weiß wo es her kommt und dass die Tiere ein gutes Leben hatten. Und meinte zu Lidia, so wie zum Beispiel ihre Hühner. Ich war vor 3 Jahren bei ihr, diese Hühner laufen frei herum und werden von ihr geschlachtet. Da schaute sie mich mit großen Augen an, und sagte, dass es ein Huhn von ihr sei und sie es extra für mich mitgebracht hat. Ich hätte mich ohrfeigen können. Es war noch was da, und dann habe ich es dankend gegessen. Auch Maria Pu, eine alte Frau, die alleine lebt und ihr Geld mit dem Verkauf von Kaugummis an einer Ampel verdient, von uns mit Medikamenten unterstützt wird, wollte mir was aus ihrem Verkaufskorb geben. Ich wollte es bezahlen und hab sie damit wahrscheinlich auch beleidigt „Ich möchte es Ihnen schenken“ hat sie gesagt, und meine Münzen weggeschoben. Ich bekam von anderen auch noch Geschenke…

…und habe es fast nicht ausgehalten. Aber ich habe wieder verstanden, wie wichtig es ihnen allen ist, mir und damit stellvertretend den Paten, ihre Dankbarkeit zu zeigen.

Ich habe noch gewartet bis alle weg waren. Miriam hat mir noch einiges über die Familien erzählt, die Schicksale und eben auch, wie es ihr und ihrer Familie geht. Wie schwierig alles ist, da die medizinische Versorgung so viel Geld kostet. Miriam arbeitet den ganzen Tag in der Apotheke der Klinik, versorgt abends ihre Eltern, und studiert nachts noch online Pharmakologie (mit 61!). Norma hat als Physiotherapeutin auch nicht viel Arbeit, da sich die Menschen keine Therapie leisten können. Sie hat mich dann gebeten, das Abendessen für ihre Eltern mitzunehmen und ihnen auch warm zu machen, und alles für die Nacht vorzubereiten. Norma hat freitags ihren freien Abend um ihren Ehemann zu sehen. Dann übernimmt Miriam. Sie war aber einfach nur erschöpft von der Woche und wäre gerne heim.

Norma war noch da und hat mich gefragt wie es war. Und dann liefen bei mir die Tränen. Es war die Überforderung, mit dieser Dankbarkeit umzugehen, diese machtlose Traurigkeit über so viel Armut, Wut über das System – mein Weltschmerz 💔 Norma hat mich in die Arme genommen, traurig gelächelt und gesagt: „So ist das Leben in einem 3. Welt Land“ (85,61 % der Weltbevölkerung zählt dazu).

Ich habe mit Blanca und Federico zu Abend gegessen. Zum Nachtisch gab es Marmeladebrot. Da haben sich die 2 gefreut. Norma ist wohl streng, was Zucker angeht. Und deshalb hat sich Federico gewünscht, dass ich öfter Abendessen mache😉

Tobis letzter Abend in Xela wurde im Tecun gefeiert, und so habe ich noch ein paar Freunde von ihm kennengelernt. Zum einen Damaris. Und das war Fügung, dass wir uns begegneten. Tobi hat ihr von meinem Projekt erzählt und sie wollte wissen wie mein Treffen war. Ich erzählte ihr unter anderem, dass die Mädels nun fast alle Teenies sind und ich mit Miriam schon mal darüber gesprochen hatte, die Mädchen aufzuklären. Denn als ich mit Estefany an ihrem Geburtstag am schreiben war, hat sie mir erzählt, dass sie weder in der Schule noch mit ihrer Mutter darüber sprechen. Damaris ist Religionslehrerin und hat mir das bestätigt. Und mir erzählt, dass die Mädchen oft nicht wissen wie man schwanger wird, bis sie es dann sind, oder selbst dann noch nicht. Und dass sie mit ihren Schülern darüber redet und auch Workshops macht. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Da hab ich sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, einen Workshop für „meine“ Mädchen zu machen. Und sie hat zugesagt! Darüber freue ich mich sehr. Denn sie ist unabhängig von der Gemeinde für die Miriam arbeitet. Miriam ist dem Thema total offen gegenüber, aber hatte damals angemerkt, dass die katholische Kirche in Guatemala noch sehr mittelalterlich ist und sie nicht weiß, wie gerne das gesehen wird, bzw. wie weit man ins Detail gehen kann.

Und dann war da noch Maurice, der auch gerne mal als La Maura, als Frau, unterwegs ist. Er hat vor 20 Jahren die erste Schwulenkneipe in Xela eröffnet und ist dafür oft angegriffen worden. Sie haben seine Bar ausgeraubt, angezündet und ihn fast tot geprügelt. Er hat es nur mit viel Glück überlebt. Er hatte schwere Kopfverletzungen und ihm fehlt ein Teil der Schädeldecke, was einen tiefen Krater über seinem rechten Auge bildet. Er will sich aber kein Plastik einsetzen lassen, trägt es mit Würde und feiert seine 2. Chance. Er hat trotzdem weiter gemacht, sich nicht versteckt, und inzwischen sind die Menschen Homosexuellen gegenüber sehr viel offener und er wird oft auf der Straße angesprochen, gegrüßt und gefeiert. So wie an diesem Abend auch. Er ist tanzend die Treppe runter, einmal durch die Kneipe, weiter auf dem Tisch und die Menschen haben wegen ihm und/oder mit ihm getanzt…

Es hat so viel Spaß gemacht! Und ich freue mich riesig, dass das Leben ihn nicht gebrochen hat, sondern dass er weiter mutig das lebt, was er ist und es dadurch geschafft hat, zumindest in Xela, das Leben für die Homosexuellen lebbar zu machen.

Hinterlasse einen Kommentar