Noch mehr von allem – Tag 3

Alle waren verwundert wie ruhig die Nacht zu zehnt in einem Raum war. Niemand hat geschnarcht! Nach dem Frühstück um 6 ging es weiter durch die Hochebene mit unendlichen Wacholderbüschen…

Vorbei an einem Friedhof…

…wieder zurück in die Zivilisation…

Und dann ging es bergab durch kleine Dörfchen…

Aus viele Familien arbeitet mindestens einer illegal in den USA. Das sieht man an den schönen Häusern (die werden oft nicht fertig gebaut, denn sobald ein Haus fertig ist, müssen Steuern gezahlt werden) oder den fetten Pickups, denn sie schicken Geld an ihre Familien. Aber das ist riskant, es gibt viele, die einfach „verschwinden“. Sei es, dass sie schon beim illegalen Übergang zur Grenze in der Wüste sterben, oder inhaftiert werden und über Monate ohne wirkliche Anklage festgehalten werden. Mit dem aktuellen Präsidenten ist es nicht leichter geworden.

Und dann wurden wir alle überwältigt durch die Aussicht auf den Fluss, der uns als Platz für die Mittagspause angekündigt wurde…

Wir sind dort im kalten Wasser baden gegangen…

… und haben zu Mittag gegessen. Dann ging es wieder bergauf…

…und war weiterhin einfach wunderschön…

Nach 2 h Aufstieg wurden wir mit was ganz besonderem belohnt. Um zu unserer nächsten Unterkunft zu kommen, mussten wir eine gute Stunde fahren. Und die erste halbe Stunde ging’s durchs Hinterland und wir durften auf einem Chickenbus mitfahren…

Wir hatten so einen Spaß, alle winkten uns zu und wir stellten uns vor, was die Menschen wohl wieder dachten 😅 12 Gringos winkend und glücklich auf einem Chickenbus. Was eigentlich verboten ist. Deshalb mussten wir auch, nach wunderschönen Aussichten auf Landschaft…

… Menschen, bunten Friedhöfen…

…am Rande des Dorfes wieder runter…

In La Ventosa (3400 Hm) hatten wir eine Unterkunft in einer indigenen Familie…

Toilette wieder über der Straße…

…und „Bad“ am Spülbecken an der Straße…

Heute durften wir wieder eine Maya-Sauna genießen. Allerdings sehr viel robuster als die erste…

Und der Eingang war sowas von niedrig, dass unser Jüngster und Größter, Mühe hatte,überhaupt rein zu kommen…

Nach dem Abendessen haben uns die Guides auch die Geschichte vom Hausherren vorgelesen. Die uns alle ziemlich erschlagen hat. Don Geronimos Geschichte: “ Es war 1982, als fünf Männer in unser Dorf La Ventosa kamen. Zwei von ihnen trugen die gleiche Kleidung wie ich und stammten aus Todos Santos. Die anderen waren wie Ladinos gekleidet und kamen aus anderen Teilen Guatemalas. Sie versammelten alle Dorfbewohner und begannen, mit uns zu sprechen. Zunächst erklärten sie, dass sie selbst nicht die Guerillas seien, sondern nur Kontaktpersonen für sie. „Ihr wisst, Leute, dass die Reichen, die in der Nähe der Pazifikküste leben, das gleiche Gemüse anbauen wie ihr. Warum ist es also so, dass sie reich und ihr arm seid? Warum haben sie das Privileg, all ihre Lebensmittel zu exportieren, und wir nicht? Ihr geht 3 oder 4 Monate im Jahr arbeiten und verdient fast nichts. Ihr lebt unter sehr schlechten Bedingungen und verhungert fast. Warum können sie mehr verdienen als wir? Und warum unterstützt die Regierung das?“ – All das war wahr. La Ventosa bekam erst 1993 fließendes Wasser und Strom, und die Straße zum Haus wurde erst 2005 gebaut. Die Frage kam, warum sie uns all das sagten: „Weil wir, meine Freunde, das beenden wollen. Und wir denken, dass wir das können. Wir wollen das Land unter uns neu verteilen, wir wollen mehr Rechte für die Armen, mehr Vorräte, mehr Möglichkeiten… Wir sind hier, um neue Genossen zu finden. Wir bitten euch, uns zu helfen.

Ihr müsst nicht kämpfen, habt keine Angst. Dafür haben wir Profis. Das Einzige, was ihr tun müsst, ist, uns Unterkunft, Essen zu geben und uns beim Sabotieren zu helfen. Ihr könnt nur gewinnen. Ihr werdet nicht sterben. Wenn der Krieg kommt und die Flugzeuge eintreffen, können wir uns in den Höhlen in den Bergen verstecken. Wir kennen die Berge wie sonst niemand, das könnt ihr mir glauben, meine Freunde. Wir bitten euch nur, die Straßen zu blockieren, die Brücken zu sabotieren und alle möglichen Hubschrauberlandeplätze zu verdecken.‘

Wir waren erstaunt, wir standen alle da und unsere Augen waren weit geöffnet… Wir hatten tatsächlich nichts zu verlieren, und wir stimmten zu. Danach erstellten sie eine Liste, in einer Spalte schrieben sie unseren Vornamen auf und in einer anderen Spalte gaben sie jedem von uns einen Codenamen.

In der Nacht des 12. März wachte ich mitten in der Nacht auf. Menschen schrien und riefen auf den Straßen. Meine Frau, die sechs Tage zuvor ein Baby geboren hatte, sagte mir, ich solle drinnen bleiben. Ich öffnete die Tür ein kleines Stück und sah mehrere Fackeln auf der Straße. Das Schreien und Rufen hörte nicht auf, die Soldaten kamen…

‚Öffnet die Tür!‘ – eine laute Stimme auf der anderen Seite der Tür klang sehr bedrohlich. Ich öffnete die Tür und sie forderten mich auf, meine Waffe abzugeben. ‚Aber Sir, ich habe keine Waffe.‘ ‚Wir wissen, dass du den Guerilleros hilfst, ihr Leute habt alle Straßen blockiert und die Brücken sabotiert. Gib deine Waffe ab oder wir werden dich töten!‘ Nach einer Weile glaubten sie mir und nahmen mich mit auf den Platz. Viele junge Männer und ältere Männer und Frauen waren dort versammelt. Ich erkannte meinen Onkel. Die Soldaten hatten eine Liste bei sich, wir haben nie erfahren, wer sie ihnen gegeben hatte. Sie fragten jeden von uns nach unserem Namen. Wenn dein Name auf der Liste stand, warst du ein Guerillero. Drei Menschen aus unserer Gemeinschaft wurden ausgewählt. Die Soldaten zwangen sie, ihre Köpfe auf einen Stein zu legen, und zerschmetterten ihn mit einem anderen Stein. Sie starben sofort. Eine Frau bekam solche Angst, dass sie versuchte wegzurennen; die Kugel traf sie in den Kopf und ihr Baby fiel zu Boden. ‚Das ist ein Beispiel für all jene, die nicht gehorchen‘. Danach holten sie meinen Onkel heraus (der unschuldig war), weil er eine Narbe über seinem linken Auge hatte (von einem Unfall in der Kindheit). Sie beschuldigten ihn, der Anführer der Guerilleros zu sein, wegen dieser Narbe. Sie sagten ihm, wenn er nicht die Informationen geben würde, die sie wollten, würden sie ihm die Zunge herausreißen…10 Minuten später weinten alle Menschen und mein Onkel wusste nicht, wovon sie redeten. Sie rissen ihm die Zunge heraus, Zentimeter für Zentimeter. Nach einer Weile stachen sie ihm mit einem Gewehr in den Bauch, mein Onkel fiel zu Boden. Sie fesselten seine Hände hinter seinem Rücken und banden ihn an eine Holzstange. Sie schlugen ihn weiter, bis er nicht mehr reagierte und tot zu sein schien. Um zu prüfen, ob er wirklich tot war, verbrannten sie die Ohrläppchen und stachen ihn in den Rücken mit einem Messer. Er reagierte nicht. Danach wickelten sie ein Seil um seinen Hals und erwürgten ihn.

Nach dieser Folter verließ uns die Armee und warnte uns, uns nicht mehr mit den Rebellen zu verbünden, sonst würden sie zurückkommen und uns bestrafen. Nachdem sie gegangen waren, nahm ich meinen Onkel zu mir nach Hause und setzte ihn neben das Feuer. Wir lösten das Seil um seinen Hals und begannen, seine Wunden zu säubern. Plötzlich begann er langsam zu atmen. Nach etwa einer Stunde sprach er schließlich und sagte: ‚Ich bin immer noch am Leben.‘ Er wurde im Laufe des nächsten Tages stärker, obwohl wir immer noch Angst hatten, dass er sterben würde. Er litt große Schmerzen, aber es gab kein Krankenhaus oder keinen Arzt, zu dem wir ihn hätten bringen können. Wunderbarer Weise lebt er bis heute. Er ist jetzt 73 Jahre alt (2013). Obwohl mein Onkel überlebte, wurden in dieser Nacht viele Menschen getötet. In Todos Santos konnten sich die Menschen in den Bergen verstecken, aber die Armee ging in die Stadt und brannte das ganze Stadtzentrum nieder… Es war eine Nacht des Terrors. Wir hatten Glück, dass wir noch leben, und das war die einzige schreckliche Erfahrung, die wir hatten. In den umliegenden Dörfern und in Nebaj war es viel schlimmer.

Am nächsten Tag ging die Armee zurück nach Todos Santos und verhaftete viele Menschen. Sie wurden in das Kirchengebäude und ins Gefängnis gebracht. Niemand wusste, was mit ihnen geschehen sollte. Doch in der Nacht gibt es eine Rede von General Ríos Mont im Radio. Er hat gerade in Guatemala-Stadt die Macht übernommen und ist der neue Präsident. Er befahl allen Soldaten, in ihre Stützpunkte zurückzukehren und die Zivilisten unversehrt zu lassen. So verlässt die Armee Todos Santos und lässt die Gefangenen frei. (Aus diesem Grund mögen die Menschen in dieser Gegend Ríos Mont tatsächlich.) Am nächsten Tag kehren die Guerilleros nach La Ventosa zurück und beginnen, die Menschen zu befragen. Sie wollen herausfinden, wer die Liste an die Armee weitergegeben hat. Sie beschuldigen einen unschuldigen Menschen und töten ihn. In den darauffolgenden Nächten verschwinden weitere acht Menschen aus ihren Häusern und werden tot aufgefunden. Während seiner Herrschaft richtet Ríos Mont die Zivilpatrouillen (EX-GAP) ein. Für die nächsten 14 Jahre und 7 Monate muss Geronimo diese Arbeit verrichten; sie werden nicht bezahlt, sie erhalten keine medizinische Versorgung und müssen sehr hart arbeiten. Jede zweite Nacht müssen sie auf Patrouille gehen, um einzugreifen, damit die Einheimischen keinen Kontakt zur EGP aufnehmen können. 1995 trifft die UN ein, um die Friedensgespräche voranzubringen. Sie geben Geronimo einen Job als Wächter des Funkturms auf La Torre. Am 29. Dezember 1996 hört Geronimo die Unterzeichnung des Friedensabkommens im Radio, während er sich oben auf La Torre befindet. Er weint vor Freude. Die Versprechen des Friedensabkommens wurden jedoch nicht eingelöst. Es gab Versprechen zur Verbesserung der Bildung, der Sozialfürsorge, der Altenpflege, des Transportwesens usw., und keines davon wurde umgesetzt. Viele Spenden aus Europa und den USA gingen in der korrupten Regierung von Guatemala-Stadt verloren.

Geronimo wohnt in diesem Haus das einem seiner Söhne gehört, der illegal in den USA arbeitet. Er arbeitet dort seit neun Jahren ohne Visum oder Pass. Sie haben nur selten Kontakt, und er weiß nicht, ob er jemals zurückkommen wird. Geronimo nahm 2002 Kontakt mit den Quetzaltrekkers auf und freut sich sehr über das zusätzliche Einkommen, und empfängt gerne Ausländer in seinem Haus. Er möchte uns eine letzte Botschaft mitgeben:

1. Zunächst möchte er Gott danken. Geronimo ist ein sehr gläubiger Mensch.

2. Er dankt uns allen, dass wir nach Guatemala gekommen sind und uns für seine Geschichte interessiert haben. Guatemalteken sprechen im Allgemeinen nicht gerne über dieses Thema, aber er hält es für sehr wichtig.

3. Er bittet uns, nichts als selbstverständlich anzusehen. Wir Westler haben viele Möglichkeiten, und wir sollten das Beste daraus machen. Er will nicht unser Mitleid, sondern möchte, dass wir das, was wir haben, wertschätzen

4. Schließlich möchte er uns klarmachen, dass die indigenen Völker immer noch kämpfen. Es herrscht immer noch ein Klassenkampf in Guatemala

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